E-Demokratie in Minnesota

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Inhaltsverzeichnis

Einführung

Wie an anderer Stelle dargestellt, werden in Foren die unterschiedlichsten Themen behandelt. Insbesondere für politische Beratungen sind Foren aus folgenden Gründen geeignet:

  • Es gibt keinen festen Termin, die Teilnehmer können ihre Beiträge zu der ihnen angenehmen Zeit vornehmen.
  • Das Problem der Schweigespirale ist nicht so schwerwiegend wie bei einer Live-Veranstaltung.
  • Die Teilnehmer können sich, da sie ihre Diskussionsbeiträge ungestört ausarbeiten können, diese genauer überlegen, und die Argumente sachlich abwägen.

Trotz dieser eigentlich sehr guten Bedingungen gibt es bisher wenig Versuche, über konkrete politische Probleme vor Ort via Netzwerkmedien zu diskutieren und nach einer Lösung zu suchen. Einen solchen Ansatz aus dem US-amerikanischen Bundestaat Minnesota stellt Lincoln Dahlberg in seinem Aufsatz bei firstmonday.org vor. Dieser Ansatz soll im folgenden kurz vorgestellt werden.

Grundvoraussetzungen für politische Debatten im Internet

Als Grundvoraussetzungen, unter denen im Internet über Politik diskutiert werden kann, nennt Dahlberg:

  • Wirtschaftliche und rechtliche Unabhängigkeit der Foren und der Betreiber.
  • Austausch von begründeter Kritik, und Offenheit für diese.
  • Selbstreflexion der Diskussionsteilnehmer über ihre Werte und Einstellungen.
  • Die Fähigkeit, sich in den Anderen hineinversetzen zu können.
  • Ehrlichkeit, die Bereitschaft dazu, die eigenen Quellen und die eigene Identität offenzulegen(So soll eine polemische Stimmungsmache verhindert werden).
  • Eine Gleichheit im Dialog, kein Diskussionsteilnehmer sollte die anderen überstimmen. Zudem sollte jeder Teilnehmer das gleiche Recht haben, die Argumente der Gegenseite anzuzweifeln.

Nach Meinung von Dahlberg sind einige dieser Punkte in "normalen" Diskussionsforen nicht bzw. kaum vorhanden.

Organisation der Online-Diskussion in Minnesota

Statt als Forum ist die Diskussionsmöglichkeit in Minnesota als Email-Liste organisiert. Einer der Vorteile ist, dass die Nutzer so nicht in einem Forum nachsehen müssen, ob es neue Beiträge gibt, sondern diese direkt in ihr Postfach geliefert bekommen. Dies ist ein Weg, um die Leute "bei der Stange" zu halten, da es in Foren immer wieder vorkommt, dass die Nutzer aus irgendwelchen Gründen ihre Besuche einstellen. Außerdem ist Email weniger anarchisch als beispielsweise das Usenet Neben der Hauptliste, wo über politische Belange des gesamten Staates diskutiert wird, gibt es noch verschiedene andere: eine Liste für Ankündungen zu Veranstaltungen, verschiedene andere Listen, die sich mit Problemen einer bestimmten Region beschäftigen. So werden die Nutzer geradezu gedrängt, ihre Meinung zu Theme, die sie betreffen, zu äußern. Zu diesen Themen gehören beispielweise Umweltverschmutzung, Strassenbau oder das Schulwesen.

Erfüllung der sechs Bedingungen für Debatten im Internet

Unabhängigkeit

Diese wird durch die Unabhängigkeit von einer Partei oder staatlichen Institution gewährleistet. Die Mitarbeiter beteiligen sich auf freiwilliger Basis, das Projekt selbst ist auch nicht auf Profit ausgerichtet. Daher wird auch Werbung strikt abgelehnt, und auch nicht an die Abonnenten der Mailingliste versandt. Diese Unabhängigkeit basiert zum grossen Teil auf der amerikanischen Verfassung, und der darin gewährleisteten Rede- und Assoziationsfreiheit.

Kritikaustausch

Die Dialoge auf der Mailingliste halten sich nach Dahlbergs Beobachtungen generell an die festgelegten Regeln. Die Mails sind überlegter als dies in Chat-Unterhaltungen und dem Usenet der Fall sei, auch die Kritik an den Ideen anderer Nutzer ist gut durchdacht. Auf der Liste werden auch in den USA immer wieder diskutierte Themen wie Einwanderung, Waffenkontrolle und die Rechte Homosexueller diskutiert. Sollte die Debatte dabei zu Bereichen abschwenken, die nicht im Kern mit den Problemen in Minnesota zu tun haben, mahnen die Moderatoren an, sich an das Thema zu halten.

Selbstreflxion

Nach einer Studie wurde die Meinung von 33 % der Listenteilnehmer beeinflusst, nachdem sie auf der Liste auch andere Meinungen gelesen haben. Diese Meinungsänderung wird auch mit der Ermahnung der Moderatoren in Zusammenhang gebracht, vor dem Posten eines Beitrags über dessen Inhalt nachzudenken. Dazu kommt auch der Respekt vor der Meinung anderer, der sich auch durch das Lesen von anderen Meinungen bilden kann.

Hineinversetzungsfähigkeit

Die meisten Konflikte auf der Liste wurden ohne größere Probleme ausgetragen. Manche Teilnehmer haben sich zwar abgemeldet, aber die meisten akzeptierten, dass andere Personen in anderen Situationen auch andere Meinungen haben. Insgesamt werden die Teilnehmer offener für die Positionen anderer.

Ehrlichkeit im Internet

Laut einer Regel der Liste müssen alle Beiträge mit dem Namen und dem Wohnort des Absenders unterzeichnet sein. So soll vermieden werden, dass Personen auf der Liste mitschreiben, die selbst nicht von den Vorgängen in Minnesota betroffen sind. Bisher gelang es offenbar noch niemand, eine falsche Identität erfolgreich auf der Liste zu nutzen. Die Nutzer werden auch dazu angehalten, sich den anderen vorzustellen, und etwas über ihre persönlichen Hintergründe zu sagen. Ebenso müssen auch die Quellen für Darstellungen, Behauptungen etc. offen gelegt werden. So beziehen sich die Nutzer oft auch auf Ereignisse vor Ort, die sie selbst erlebt haben.

Dialoggleichheit

Um sicherzustellen, dass nicht einige wenige Nutzer die Mailiste dominieren, wurde eine "2-Nachrichten-vom-selben-Nutzer"-Regel eingeführt: Pro Tag dürfen maximal zwei Nachrichten von demselben Benutzer eingehen. Die Teilnahme ist jetzt allerdings immer noch ungleichmäßig, es gibt eine Kerngruppe, die in vielen Diskussionen vertreten ist. Weitere Ungleichheiten entstehen durch die nahezu ausschliessliche Teilnahme von Männern an der Liste. Von denjenigen, die Angaben zum Geschlecht machten, waren ca. 80% männlich. In manchen Diskussionen fühlen sich die Frauen zudem "untergebuttert" Dazu kommt, dass ein Grossteil der Bürger keinen Zugang zum Internet hat, wovon vor allem die unteren sozialen Schichten betroffen sind.

Fazit

Insgesamt zeigt das Projekt, was sich mit der effektiven Nutzung des Internet erreichen lässt, auch wenn es noch Fehler hat. Der grösste davon ist die mangelnde Teilnahme eines repräsentativen Teils der Bevölkerung. Dies wird sich vermutlich mit der weiteren Ausbreitung des Internet ändern, zudem lassen sich die Bürger nicht zu einer Teilnahme an solchen Foren zwingen.

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