Interview Dr. Bieber

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"Das Nischendasein ist vorbei"

Interview mit Dr. Christoph Bieber zur politischen Kommunikation im Internet

Dr. Christoph Bieber ist wissenschaftlicher Assistent an der JLU Gießen und beschäftigt sich mit den Auswirkungen der Neuen Medien auf politische und gesellschaftliche Prozesse. Zu seinen Veröffentlichungen zählen unter anderem Publikationen zum Thema Online-Wahlkampf, die Zukunft der Mediendemokratie und Interaktivität. Weiterhin ist er Gründungsmitglied von politik-digital.de/politik-digital e.V, einem journalistischen Angebot, das sich mit den Themen Politik und Neue Medien auseinandersetzt. net-wiki hat Dr. Christoph Bieber per Telefoninterview zum Thema befragt.


net-wiki: Mit Podcasts, Vodcasts, Kandidatenblogs und anderen Formen des web 2.0 stehen den politischen Akteuren eine Vielzahl neuer Mittel zur politischen Kommunikation zur Verfügung. Welche Auswirkung hat diese Ausweitung des Spektrums auf die verschiedenen kommunikativen Ebenen?

Dr. Bieber: Der wesentliche Punkt, den ich in einer kurzen Antwort machen würde, ist, dass es durchgängig durch die verschiedenen Anwendungsformen politischer Kommunikation mit Neuen Medien einen Effekt gibt, den ich als „Kommunikative Öffnung“ bezeichnen würde. Das trifft auf fast alles zu, was in den letzten zehn bis zwölf Jahren passiert ist, was Onlinekommunikation angeht. Die Nutzer müssen in irgendeiner Form an den Projekten beteiligt werden, die man als politischer Akteur mit Online-Mitteln begleiten will. Versäumt man dies, fehlt den Angeboten der Reiz und damit über kurz oder lang die Akzeptanz bei den Nutzern. Für die politische Kommunikation ist das eine Sackgasse. Besonders in der Frühzeit des Internet wurde dieser Fehler sehr häufig gemacht und die ersten Kampagnen- oder Kandidatenwebsites waren nicht mehr als digitalisiertes Glanzpapier. Angebote die nicht mehr leisten, als ein Plakat oder ein papiererner Flyer, funktionieren im Internet nicht. Wenn man auf die Möglichkeiten Neuer Medien eingehen will, dann muss man versuchen die interaktiven Möglichkeiten der Mitwirkung zu nutzen. Da ist es relativ egal ob man Kandidat für das Bürgermeisteramt einer kleinen Gemeinde ist oder Präsidentschaftskandidat in den USA.

Ist diese „Kommunikative Öffnung“ aus Ihrer Sicht eher ein Vor- oder Nachteil für die Parteien?

Man hat prinzipiell natürlich eine Reihe von Vorteilen wie die Verbesserung der input-Seite oder die Rekrutierung neuer Miwirkender, aber konkrete Vor- und Nachteile hängen immer vom Zusammenhang ab. Nehmen wir als Beispiel eine Wahlkampagne. Es ist für den Kampagnenführer natürlich deutlich einfacher, wenn man von einem überschaubaren Set von Mitteilungen ausgehen kann, die kommuniziert werden sollen. Wenn jetzt aber auch interaktive Elemente und Nutzer-Inhalte zugelassen werden sollen, dann vergrößert sich zwar die Flexibilität der Kampagne und ihre Reichweite, aber gleichzeitig besteht immer die Gefahr, die Kontrolle über die Inhalte meiner Kampagne zu verlieren. Das ist aus der Perspektive des Kampagnenführenden also, wenn man so will, ein Vor- und Nachteil zugleich. Oder anders ausgedrückt: Von Vor- oder Nachteilen kann man in diesem Zusammenhang nicht sprechen. Wenn man sich auf das Medium einlässt, muss man diesen Weg gehen und das führt zwangsläufig zu Veränderungen.

Wenn man sich die aktuellen Entwicklungen in Frankreich ansieht, muss dieser Weg aber nicht immer ein positiver sein. Ségolène Royal stand ja auch in der Kritik, was ihre Methoden der Programmentwicklung angeht und da spielt sich ja sehr viel auf der online-Ebene ab.

Ségolène Royal hat in ihrer Programmentwicklung und ihrem gesamten Wahlkampf sehr viel mit Online-Methoden gearbeitet und diese Arbeitsmodi auch in die offline-Welt übertragen. Wenn man so will hat sie eine „open-source-Kampagne“ geführt. Sie hat nicht von sich aus entschieden was ins Programm kommt, sondern hat über einen relativen offenen Modus entscheiden lassen, was in ihr Programm kommt und möglichst viele Menschen daran teilhaben lassen. Durch dieses vielschichtige Feedback wollte sie zu einem besseren, qualitativ hochwertigeren und gehaltvolleren Programm kommen. Das hat inhaltlich vielleicht funktioniert, aber sie musste es mit dem Preis bezahlen, dass sie als Kandidatin in der Öffentlichkeit durchaus Schaden genommen hat. Die Kampagne wurde als zögerlich und unentschlossen dargestellt und dadurch hat sie in den Umfragen einige Punkte verloren.

Sie sprachen eben von Veränderungen, die sich zwangsläufig durch das Einlassen auf die Neuen Medien ergeben. Gibt es noch weitere Veränderungen, von der kommunikativen Ebene der Inhalte einmal abgesehen?

Online Kommunikation verändert die Arbeit politischer Akteure nicht nur auf der kommunikativen Ebene, sondern führt auch fast immer zu Veränderungen in der realen Ausrichtung. Auch das hat man schon sehr früh beobachten können. Mehr oder weniger erfolgreich an Beispielen wie dem „Virtuellen Ortsvereinen“ (SPD) oder dem „Landesverband Net“ (FDP). Das kann also bis hin zur Frage führen, ob man die Parteien noch als die klassischen, ortsbasierten Mitgliederparteien versteht oder sich anderen, weniger ortsgebundenen Formen zuwendet. Das betrifft aber auch die internen Organisationen der Parteien, der Aufbau von Onlineredaktionen oder Veränderungen in der Binnenkommunikation. Das alles sind Aspekte, die über den eigentlichen Rahmen der politschen Kommunikation hinaus gehen und die Organisation der politischen Akteure betreffen.

Was halten Sie von politischen Simulationen wie dol2day? Die gibt es ja schon etwas länger, dol2day zum Beispiel seit 2000, aber es gibt sie noch immer und sie erfreuen sich noch immer eines gewissen Zuspruchs.

Die Leistungsfähigkeit und Chancen dieser Plattform sind mit Sicherheit ganz ordentlich, ich glaube aber, dass die größte Zeit dieser Simulationen vorbei ist. Der Neuigkeitswert spielt hier nicht mehr eine so große Rolle. Das war in der Frühzeit der politischen Onlinebetätigung vielleicht eine spannende Sache. Damals war diese Simulation in der Tat ein Spielraum, den man genutzt hat um sich politisch zu organisieren und mit den online-Mitteln Entscheidungsprozesse zu simulieren. Das hat damals vielen Leuten gefallen, weil diese Form der Simulation relativ neuartig war. Die Parteien waren damals noch nicht so vernetzt und online nicht so ausgeprägt vertreten. Außerdem wird man die Fertigkeiten, die man sich in einer solchen Simulation aneignen kann, im realen Leben durchaus nutzen können: zum Beispiel das Organisieren einer Kampagne oder die Nutzung von e-mail und website als Mittel politischer Kommunikation. Aber es ist dann eben doch nur eine Simulation mit einer eher indirekten Kopplung an die Politik. Mittlerweile gibt es für politisch Interessierte mehr Möglichkeiten, das Ganze im Hinblick auf reale Politik zu betreiben. Ich kann mir vorstellen, dass viele ehemalige Nutzer von dol2day es mittlerweile interessanter finden, sich real digitalpolitisch zu engagieren. Aktuelles Beispiel wären da zum Beispiel Kampagnen gegen die Einführung von Studiengebühren.

Vom jetzigen Stand der Dinge betrachtet, ist die politische Kommunikation im Netz noch immer ein Nischenphänomen oder genießt sie größere Bedeutung? Wo geht der Weg hin?

Von einer Nische kann man bei 40 Millionen Onlinern in Deutschland nicht mehr sprechen, es wäre dann in jedem Fall eine sehr große Nische. Schaut man sich aber aktuell die Mediendemokratie an, dann stellt man fest, dass es das Internet bislang nicht geschafft hat, das Fernsehen als Leitmedium abzulösen. Es steht natürlich noch immer im Schatten der „alten Medien“, insbesondere des Fernsehens, aber das Nischendasein politischer Kommunikation im Netz ist vorbei. Es ist mittlerweile mainstream, wie man ja auch an den politischen Akteuren sieht, die vom Kommunalpolitiker über die Bürgerinitiative, NGO und Präsidenten im Netz vertreten sind. Es ist noch nicht so, dass sich alles im großen Stil auf dieses Medium ausrichtet, diesen Platz nimmt nach wie vor das Fernsehen ein. Aber die verstärkte Bewegung von Inhalten gewissermaßen aus dem Computer hinaus in andere Geräteumfelder, wie zum Beispiel in den iPod, weist darauf hin, dass sich einiges verändert. Gerade die sich momentan rasend schnell entwickelnde Form der Videoinhalte wird dazu beitragen, dass es in den nächsten Jahren eine sehr starke Annäherung des Internets an das Fernsehen und an klassische Fernsehstrukturen bei der Distribution geben wird. Das sieht man auch bei der politischen Kommunikation in aktuellen Wahlkämpfen in den USA und Frankreich. In Deutschland war diese Entwicklung zur Zeit der letzten Bundestagswahl noch nicht so weit fortgeschritten, beispielsweise eine youTube Plattform gab es damals noch nicht in dieser Breite. Das ist jetzt der Fall und das wird sich in jedem weiteren Wahlkampf immer stärker bemerkbar machen.

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