Interview Erik Meyer

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Erik Meyer ist Wissenschaftler an der Universität Gießen. Er hat Politikwissenschaft, Neuere Geschichte und Philosophie studiert und zum Thema „Die Techno-Szene - Ein jugendkulturelles Phänomen aus sozialwissenschaftlicher Perspektive“ promoviert. Zudem ist er Gründungsmitglied der Arbeitsgruppe für Sozialwissenschaftliche Politik-, Kultur- und Kommunikationsforschung und arbeitet an den beiden Projekten AG Zeit, Medien, Identität und Visualisierung und Virtualisierung von Erinnerung. Er hat zahlreiche Publikationen zu Jugend- und Populärkulturen veröffentlicht.


Einer Ihrer Forschungsschwerpunkte ist die politische Kommunikation. Podcasts haben in dieser Hinsicht in den letzten Monaten etwas für Furore gesorgt, etwa durch den Podcast-Thementag oder durch die Podcasts der Parteien. Welche Rolle werden Podcasts in der politischen Kommunikation Ihrer Ansicht nach in Zukunft spielen?

Mit Prognosen halte ich mich eigentlich lieber zurück, aber ausgehend von existierenden Angeboten lassen sich folgende Tendenzen skizzieren:

1. Podcasts als Medium der Wahlkampfkommunikation:

So wie sich die Parteien aller technischer Möglichkeiten zur Kommunikation mit potenziellen Wählern bedienen, werden sie dies auch weiterhin mit Podcasts tun. Dabei geht es um die direkte Ansprache ohne den Umweg über die Massenmedien. Betreffende Inhalte müssen auch nicht unbedingt eigens produziert werden, sondern es können bspw. Reden an ein größeres Publikum verbreitet werden. Ähnlich wie bei anderen Online-Anwendungen oder via SMS verbreiteten Botschaften ermöglichen auch Podcasts eine schnelle Reaktion auf aktuelle Ereignisse, was im Wahlkampf bedeutsam ist. Insofern man Podcasts nicht unverlangt erhält, fungieren sie primär als Instrumente zur Mobilisierung von Parteimitgliedern oder Information von Interessenten.

2. Podcasts als Medium zur Artikulation...

...von Akteuren, die von den durch Massenmedien kontrollierten Arenen der Öffentlichkeit ausgeschlossen sind. Dies ist die „klassische“ Annahme einer durch alternative Kommunikationskanäle konstituierten „Gegenöffentlichkeit“: Wer für seine Anliegen in den Massenmedien keine Aufmerksamkeit findet, kann diese auch via Podcast kommunizieren. Wenn man „das Politische“ in diesem Zusammenhang nicht emphatisch versteht und etwa auf Phänomene des Protests verengt, war der Podcast-Thementag ein Beispiel für eine solche Anwendung. Sollte es in Zukunft eine Konstellation geben, die Personen, die Podcasts produzieren bzw. rezipieren, mit einem politisierungsfähigen Thema oder gar Protestanlass konfrontiert, könnte diese Konstellation auch deutlicher zum Ausdruck kommen.


Zusammen mit Claus Leggewie arbeiten Sie an einem Projekt zum Thema „Visualisierung und Virtualisierung von Erinnerung“. Auf der Homepage zum Projekt schreiben Sie, dass die Wahl der Darstellung geschichtlicher Inhalte stark vom Medium abhängt. Untersuchen Sie im Rahmen dieses Projekts auch Vodcasts? Wenn ja, können Sie schon Ergebnisse nennen, welche Möglichkeiten der Vermittlung geschichtlicher Inhalte hier zum Einsatz kommen?

Vodcasts sind kein Gegenstand der Untersuchung, mir sind aber auch keine einschlägigen Angebote bekannt.


Podcasts weisen eine gewisse Nähe zum Hörfunk auf, Vodcasts gehen in Richtung des Fernsehens. Bertolt Brecht hat in seiner bekannten Radiotheorie demokratischere Strukturen für den Rundfunk gefordert. Im Zusammenhang mit Podcasts hört man sehr häufig von dieser Theorie, Vodcasts könnten sie zu einer Art „Fernsehtheorie“ ausweiten. Wie wird Ihrer Ansicht nach dieser Strukturwandel der Öffentlichkeit weitergehen, und wie wird die etablierte Medienlandschaft reagieren?

Das sind ja gleich zwei weitreichende Spekulationen, deshalb kann die Antwort nur mit aller Vorsicht und unter Vorbehalt formuliert werden: Zunächst einmal beschreiben Pod- und Vodcasts nur die Möglichkeit alternativer Distributionskanäle für audio-visuelle Inhalte, die auf Grund der Gegebenheiten von kompetenten Nutzern mit relativ geringem Aufwand produziert werden können. Dies sagt weder etwas über die konkreten Inhalte noch über die Nutzung entsprechender Angebote durch die Rezipienten aus. Ansätze wie die angesprochene Radiotheorie verknüpfen die technischen Formate in der Regel aber mit inhaltlichen Ansprüchen, die meist nicht eingelöst werden. Bislang bezieht sich die Mehrzahl der Angebote auf Unhaltungsformate. Damit sind wir auch bei den etablierten Anbietern: Eine Vielzahl der Informationsangebote in diesem Bereich besteht nämlich aus der Zweitverwertung von Programmbestandteilen aus Rundfunk und TV. Deshalb sollten mit den derzeitigen Entwicklungen auch keine überzogenen Erwartungen im Sinne eines Massenphänomens verbunden werden - interessant bleiben sie als Nischenmedien für themenspezifische Öffentlichkeiten...


Im Blog des ZMI schreiben Sie, Podcasts könnten Öffentlichkeiten formieren, indem sie eine zerstreute Öffentlichkeit punktuell wieder zusammenführen. Andere Autoren behaupten jedoch das genaue Gegenteil. Wie begründen Sie Ihre These?

Diese These bezieht sich vor allem auf den Podcast-Thementag als Beispiel für eine versammlungsförmige Nutzung des Formats. Dabei wurden ja zu einem Thema 20 Sendungen von verschiedenen Anbietern für einen gemeinsamen Veröffentlichungszeitpunkt produziert. Die Podcasts waren darüber hinaus nicht nur über die einzelnen Anbieter sondern auch über eine URL der Organisatoren verfügbar, die Angebote wurden also aggregiert. Durch diese Koordination ergibt sich zumindest die punktuelle Vernetzung der beteiligten Podcaster und darüber hinaus das Potenzial, auch deren Publika punktuell zusammenzuführen. Schließlich weisen Podcasts ebenso wie Blogs Charakteristika auf, die einer längerfristigen Vernetzung förderlich sind: Sie verfügen häufig über Möglichkeiten der Rückkopplung (via E-Mail oder durch eine Kommentarfunktion auf der Website) und sind auf Serialität angelegt.


Sie haben in der Vergangenheit mehrfach zu den Themen Jugend- und Populärkulturen publiziert, vor allem über Techno. Welche Rolle spielen Pod- und Vodcasts in dieser Kultur?

Für Vodcasts kann ich zu diesem Thema nichts sagen, aber Podcasts spielen in diesem Zusammenhang schon eine Rolle, nämlich als alternativer bzw. ergänzender Distributionskanal für Musik. Dies betrifft zunächst alle Arten von Musik, die über dieses Medium zusätzlich zur Veröffentlichung auf Tonträgern verbreitet werden können. Insbesondere im Bereich elektronischer Musik hat sich aber eine Szene entwickelt, die (zumindest vorläufig) auf die Veröffentlichung von Tonträgern verzichtet. Hierbei geht es also weniger um Podcasts im Sinne von Sendungen, in denen ein musikalisches Programm präsentiert wird, sondern um die Bereitstellung einzelner Tracks oder auch von DJ-Mixen. Portale, die solche Titel zugänglich machen, firmieren unter dem Begriff „Netlabel“. Wer solche Podcasts abonniert erhält meist mit einigen Informationen zum „Interpreten“ sowie zum Genre versehene Produktionen vorwiegend von Amateuren. Mit dieser Form der Verbreitung lassen sich somit stärker als beim Vetrieb von Tonträgern musikindustrielle Selektionsmechanismen umgehen und mit verhältnismäßig bescheidenem finanziellen und technischen Aufwand potenziell ein weltweites Publikum erreichen.


Bekommen Sie als Wissenschaftler Feedback von den Podcastern selbst? Werden Ihre Ergebnisse vielleicht sogar von ihnen aufgegriffen?

Bislang gibt es zu den Beiträgen, die ich mit meinem Kollegen Christoph Bieber zu diesem Thema online publiziert habe, kein direktes Feedback von den Akteuren an die Autoren. Insofern es sich vor allem um Vorschläge zur Einordnung von Podcasts in den Diskurs über den „(Struktur-)Wandel von Öffentlichkeit(en)“ und „politische Kommunikation“ handelt, ist das m.E. aber auch nicht zu erwarten. Ob diese Überlegungen aufgegriffen werden, kann ich nicht beurteilen.

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