Interview Marcel Heyne

Aus MedienWiki

Wechseln zu: Navigation, Suche

Marcel Heyne beschäftigt sich seit mehreren Jahren mit den Themen Liebe/Dating im Netz Web 2.0. Er ist Autor des Buches "How to Date Online".

Bild:Marcel_Heyne_72dpi.jpg


Sie haben mit „How to Date Online“ ein Buch geschrieben, das sich ganz speziell auf das Online-Dating bezieht. Wie sind Sie dazu gekommen, sich mit dem Thema zu beschäftigen?

Seit 1995 beschäftige ich mit mit sozialen Interaktionen im Internet. Zunächst mit dem Thema Kommunikation: Chats, Foren, Communities. In diese Zeit fällt die Konzeption von Metropolis.de (s.u.). Seit 2003 konzentriere ich mich auf das Thema Online-Dating. Ich sehe in der Partnersuche im Internet einen Paradigmenwechsel in Sachen Partnerwahl. Jahrtausendalte Mechanismen werden plötzlich abgelöst. Es findet geradezu ein Outsourcing in Sachen Partnerwahl statt.

Meiner Meinung nach sind die Menschen noch nicht auf diese Möglichkeiten vorbereitet. Das betrifft insbesondere die Selbstdarstellung im Netz. Aber auch die offensichtlichen Risiken beim Online-Dating, die in der jetzigen Phase des Marktwachstums einfach unter den Teppich gekehrt werden. Aus meinen Erfahrungen - auch in der Zusammenarbeit mit Dating-Anbietern - entstand dann die Idee zu How2Date, die mittlerweile ihren Rahmen gesprengt hat. Das Ganze hat sich zu einer erfolgreichen Unternehmung namens Relationeering weiterentwickelt."


Was sind für Sie die größten Unterschiede zwischen Online-Dating und dem „normalen“ Kennenlernen einer Person?

Wie bereits erwähnt, sind die Mechanismen der Partnerwahl bei uns seit Jahrtausenden gewachsen - und haben sich seitdem kaum geändert. Revier markieren, balzen – und fertig. Wobei die Größe des "Reviers" in aller Regel doch sehr eingeschränkt war. Der "Balzvorgang" war transparent - man hatte seinen Partner im besten Sinne "vor der Nase". Der Geruchssinn spielt ja bei der Partnerwahl eine große Rolle. Und wie wir wissen entscheiden wir optisch in Bruchteilen einer Sekunde.

Plötzlich ist alles anders. Das Revier ist riesig. Und der Balzvorgang hat sich grundlegend geändert. Ich muss richtig "Marketing betreiben", um in der Masse hervor zu stechen. Gerade Männer tun sich damit schwer - schließlich verfügen wir bekanntermaßen nicht über die verbalen Fähigkeiten des weiblichen Geschlechts. Und auch nicht über dessen Selbstreflektion. Und da sollen wir plötzlich schreiben, was uns so außergewöhnlich macht? Das ist eine echte Umstellung...

Aufgrund der vielen potentiellen Singles stellt sich auch das Problem der Optimierungsfalle. Man wartet einfach gerne noch ein wenig, ob nicht noch ein optimalerer Partner auftaucht. Schließlich wachsen die Dating-Angebote täglich um mehrerer Tausend Mitglieder. Das kann unter Umständen zur Online-Sucht und zum Realitätsverlust führen.

Weitere Thesen: die Zahl der Fernbeziehungen wird zwangsläufig steigen und die Zahl der Scheidungen. Schließlich ist die Hürde aus einer Beziehung hinaus plötzlich nicht mehr so hoch. Man kann ja in Krisenzeiten schonmal per Netz den Markt abchecken...

Dennoch: In einer Gesellschaft, die durch wachsende Scheidungs- und Trennungszahlen kontinuierlich für neue Singles und allein erziehende Eltern sorgt, ist das Internet ohne Zweifel das neue Mittel der Wahl in Sachen Partnersuche. Neue Lebenssituationen und häufige Wohnortswechsel fordern alternative Mittel auf der Suche nach dem großen Glück. Flexibilität, Effizienz und Auswahlmöglichkeiten verlocken zum Dating über das Netz. Oder wie soll ein Alleinerziehender neben Job und Kind noch einen Partner kennen lernen?


Was sind Ihrer Meinung nach die häufigsten Vorurteile, die gegen „Online-Dater“ vorgebracht werden? Wie schätzen Sie den Realitätsgehalt ein?

Na ja, da gibt es die alten Geschichten, dass diejenigen, die im Netz suchen, sonst keinen abbekommen würden und introvertiert sind. Das ist Quatsch. Ich glaube, dass das noch Klischees sind, die von den Zeitungs-Kontaktanzeigen rübergeschwappt sind. Fakt ist, dass die Verteilung der Persönlichkeitstypen im Netz die gleiche wie "im richtigen Leben" ist. Außerdem gilt: wer extrovertiert ist, ist es auch im Netz. Dasselbe gilt für Extraversion. Und wer meint, dass Singles im Netz unattraktiv sind, sollte sich ruhig mal bei den entsprechenden Anbietern umschauen. Online-Dating hat längst die Massen erreicht - wie sonst ist zu erklären, dass die Angelegenheit schon Titelthema der Hörzu war? Daher kann man davon ausgehen, dass die Attraktivität der Singles im Netz derjenigen der Gesamtbevölkerung entspricht.


Bekommen Sie Reaktionen auf Ihre Arbeit? Wie sehen diese aus?

Reaktionen bekomme ich von Internet-Nutzern, Dating-Anbietern und den Medien. Die Resonanz ist durch die Bank weg positiv. Das hat dazu beigetragen, dass zahlreiche Themen an denen ich arbeite (vor allem Safer Dating) mittlerweile im Bewusstsein der Medien und der Anbieter angekommen sind.


Sie haben die Community www.metropolis.de gegründet, die schon seit 1997 im Netz ist. Was hat Sie dazu bewogen? Wie würden Sie Ihre Community im Unterschied zu anderen Angeboten charakterisieren? Wie ist die Entwicklung des Netzwerks weitergegangen? Inwiefern sind Sie heute noch aktiv?

Metropolis ist 1996 als sehr innovative Community gestartet. Das betraf Design, Konzept und Inhalte. (Ein Blick in das webarchive: Webarchive www.metropolis.de). Zu der Zeit gab es eine regelrechte Aufbruchstimmung in Sachen Netz-Interaktion - ganz ähnlich, wie es jetzt bei Web 2.0 der Fall ist.

Anfangs war Metropolis eine Spielwiese für Nutzer, Künstler und Programmierer. 1999 kam dann die Gründung der Metropolis AG. Mehr Mittel dank Fremdkapital. Die haben wir dann unter anderem genützt um Netz-Kunstprojekte auf Metropolis zu machen. Wie etwa den Tower of Power mit Hermann Josef Hack (ein virtuelles Hochhaus über dem Bundestag als Community) oder den metropolis Kunstbanner-Preis in Zusammenarbeit mit dem ZKM in Karlsruhe.

Mit dem Ende des dot.com Booms haben wir dann konsequent auf unsere Technologie und auf Online-Dating gesetzt. Die Metropolis AG (der ich seit 2003 nicht mehr angehöre) macht heute die Communities für das ZDF, n-tv, kicker.de und viele mehr. Metropolis ist als Plattform im ICONY Dating-Netzwerk aufgegangen. Damit ist Metropolis eigentlich ein Social Network mit über 700.000 Registrierungen. Man könnte sagen: die Kernsubstanz wurde erhalten und weiterentwickelt ;-) Ich unterstütze Metropolis und ICONY noch heute als "externer Anbieter" mit Inhalten, Konzepten und Technologien.


Sie engagieren sich in der Initiative Safer Dating. Erzählen Sie bitte einmal kurz, wie Sie auf die Idee zur Initiative gekommen sind.

Wie bereits oben angedeutet habe ich in den letzten Jahren oftmals den Eindruck gehabt, dass vor lauter Marktwachstum im Online-Dating das Thema Sicherheit zu kurz kommt. Die Existenz von Fakes, Internet-Stalking und Cybersex-Sucht sind jedoch Tatsachen. Daher wollte ich eine Initiative ins leben rufen, die Nutzer und Medien aufklärt und Betreiber dazu bewegt, mehr für die Sicherheit ihrer Nutzer zu tun.

Es ist mittlerweile gelungen, dem Thema "Sicherheit beim Online-Dating" eine größere Medienpräsenz einzuräumen. Dazu beigetragen haben Berichte über Safer Dating in N24, n-tv, dem ORF, 3sat, ARD, dem ZDF und vielen mehr. Die Initiative Safer Dating konnte zudem als Sachverständige im Fachbeirat der Stiftung Warentest zum Thema Partnerbörsen im Internet das Thema Sicherheit beim Online-Dating vertreten. Führende Anbieter wie [ http://www.ilove.de/ iLove], MA-flirt, freenet oder das Dating-Netzwerk ICONY haben Safer Dating Informationen aufgenommen bzw. Safer Dating Leitlinien umgesetzt und tragen dadurch zur Aufklärung und Sicherheit beim Online-Dating bei. In Zusammenarbeit mit der Freiwilligen Selbstkontrolle Multimedia wurde zudem für deren Mitglieder ein Whitepaper zum Thema Safer Dating entwickelt. Zu den Mitgliedern der fsm zählen T-Online, Yahoo und msn.


Viele Ihrer Aktivitäten stehen in Zusammenhang mit Entwicklungen, die gerne als „Web 2.0“ bezeichnet werden: Sie bloggen, Sie engagieren sich in Communitys. Wie bewerten Sie diesen neuen Trend?

Seit 1999 ist das Motto der Metropolis AG "creating social internetworks" - und dem bin in gewisser Weise auch heute noch treu geblieben. Ich sehe in Web 2.0 endlich das zusammenkommen, was wohl Ende der 90er noch nicht ganz reif war. Technologien, Bandbreite, Konzepte, Nutzer - aber aus Business Modelle. Die Möglichkeiten sind faszinierend. Ohne große Programmierkenntnisse und Infrastruktur kann man heute sein eigenes kleines Mash-up zusammenfrickeln. Vieles von dem wird zwar nicht abheben, aber es setzt die Kreativität der Leute frei. Das gilt natürlich auch für die ganzen Prosumer-Konzepte à la flickr, youtube etc. Wenn ich heute einen iMac auspacke kann ich ihn anschmeissen und mit wenigen Klicks bin ich dann vielleicht morgen mit meinem Video der Gesprächsstoff von Delhi bis Oberammergau.

Ich persönlich finde das toll und möchte meinen Beitrag dazu leisten. Dieser wird sich mehr im konzeptionellen und psychologischen Bereich abspielen. Im Zuge von How2Date haben wir einen Persönlichkeitstest entwickelt, der heute in seiner zukünftigen Form ein enormes Potential im Web 2.0 Kontext entwickeln wird. Wenn man so möchte, sind das "Scientific Mash-ups", die wir in den Web 2.0 Ring werfen werden. Man darf gespannt sein ... ;-)

Ansonsten blogge ich mit meiner Frau (einer Psychologin) unter anderem bei Germanblogs über das schöne Thema Liebe. Auch weil mich interessiert, wie sich so ein "Blogs-for-the-masses-Projekt" entwickelt. Und siehe da: unser Thema liegt weit vorne, sogar vor "digital life" und ähnlichem ... ;-)

Und natürlich musste auch ich mein eigenes kleines mash-up basteln: www.lovemaps.de, mit schönes Logo aus dem Web 2.0 Logo Creator ;-)

Gibt es noch etwas zum Thema, das Ihnen wichtig ist und dass Sie mitteilen möchten?

Für Online-Dating gilt: der "proof of concept" wird in der Beziehung erbracht! ;-) Will sagen: momentan wird die Erwartungshaltung in puncto perfektem Partner durch das Marketing der Dating-Anbieter stark geschürt. Als ob alles nur ein mathematisches Problem oder ein Algorithmus wäre. Dem ist jedoch nicht so. Daher würde ich mir wünschen, dass man den Menschen auch etwas für die Partnerschaft mitgibt.

Ehrlich gesagt: wir arbeiten daran ... ;-)

Persönliche Werkzeuge
Navigation
Organisatorisches